Football Periodisierung – Teil 2: Grundüberlegungen für die Trainingsplanung

von Jürgen Pranger


Gepostet am 26.12.2020



Im Teil 1 dieser Serie wurde die Grundidee dieses revolutionären Konzepts der Football Periodisierung von Dr. Raymond Verheijen besprochen. Der Teil 2 widmet sich den Grundüberlegungen einer korrekten Trainingsmethodik für eine spätere praktische Umsetzung dieses Konzeptes.


„Alles muss fußballbezogen sein“ – Raymond Verheijen


Um die Gesamtleistung eines Fußballspielers am Platz zu verbessern, muss laut Verheijen der Trainer vier Aspekte verbessern:

  • Bessere (Fußball)-Aktionen
  • Mehr Aktionen pro Minute
  • Aufrechterhaltung guter Aktionen über das ganze Spiel
  • Aufrechterhaltung guter Aktionen pro Minute

Bessere Aktionen

Je höher die Spielklasse bzw. das Spielniveau, desto weniger Raum und Zeit haben die Spieler zur Verfügung. Die Folge – die Anforderungen an den Spieler steigen. Der Spieler benötigt eine bessere Kommunikation, schnellere Entscheidungsfähigkeit und eine bessere technische Ausführung. Folglich sollte die Qualität einer Fußballaktion als Ganzes verbessert werden. (Verheijen, 2014, S. 48)

Als Fußballaktion wird nicht nur eine Aktion mit dem Ball bezeichnet. Jede Handlung im Match, wie zum Beispiel „Verschieben“, „Raum kreieren“ oder „Pressen“ kann als Fußballaktion verstanden werden. Im Falle von „Raum kreieren“ kann eine „bessere Aktion“ als die Summe folgender Raum-Zeit-Elemente angesehen werden:

  • Bessere Position des Spielers vor der Aktion
  • Den richtigen Zeitpunkt für die Aktion erkennen
  • Sich in die richtige Richtung bewegen
  • Sich mit der richtigen Geschwindigkeit bewegen

Ein Teilelement, zum Beispiel die Grundschnelligkeit eines Spielers zu verbessern, bedeutet demnach nicht, dass der Spieler gleichzeitig seine Fußballaktion verbessert. Denn auch das Erkennen einer Situation, das richtige Timing und die richtige Richtung spielen eine entscheidende Rolle. Sehr schnell in die falsche Richtung zu laufen ist bekanntlich auch nicht wirklich sinnvoll.

Alle Faktoren entscheiden laut Verheijen zwischen einer guten oder einer schlechten Aktion. Eine Fußballaktion kann folglich auch nur komplex in Spielformen mit Ball, Gegnerdruck und mit voller Intensität verbessert werden. Das Ziel muss es sein, von 100% auf 101% zu kommen. Wer mit 90% der Intensität trainiert – wird auch so spielen.

Maximale Intensität der Aktionen (nach Verheijen; eigene Darstellung)


Folglich sollte auch bei Sprintübungen versucht werden, den Ball und eine Entscheidungsfindung mit einzubeziehen, um die gesamte Fußballaktion zu verbessern.


Trainingsmöglichkeit:

z.B.: 1 gegen 1 Situation mit einem Sprint zum Ball mit Folgeaktion. Optimal wäre noch eine Zusatzaufgabe, die den Spieler zu einer Entscheidung zwingt, bevor er zum Sprint ansetzt. Die Pause zwischen den Aktionen sollte eher länger gehalten werden, damit sich die Spieler zwischen den Aktionen erholen können und die nächste Aktion wieder mit 100% ausführen können (100->101%).

Außerdem wird die Qualität der Fußballaktionen immer in Spielformen mit Ball und Gegner mittrainiert.

Mehr Aktionen pro Minute

Bessere Spieler sind in der Lage, sich nach einer Fußballaktion schneller zu erholen und können deswegen schneller wieder die nächste Aktion starten. Diese Fähigkeit unterscheidet oftmals gute von weniger guten Spielern.

Beispiel: Nehmen wir an, dass ein Amateurspieler zwei Aktionen pro Minute durchführt (egal ob mit oder ohne Ball). Folglich hat er durchschnittlich 30 Sekunden zwischen den Aktionen Zeit, sich zu erholen. Ein professioneller Spieler muss aber aufgrund der erhöhten Anforderungen (weniger Raum und Zeit) vier Aktionen pro Minute durchführen. Dementsprechend hat er nur durchschnittlich 15 Sekunden zwischen den Aktionen Zeit, sich zu erholen. (Verheijen, 2014, S. 50)

=> die Spieler benötigen eine schnelle Regeneration zwischen den einzelnen Aktionen!

Wie kann ich eine schnellere Regeneration zwischen zwei Aktionen trainieren?

Trainingsmöglichkeit:

Da du ja keine isolierten Intervallläufe mit deinen Spielern machen möchtest und beabsichtigst, den Spieler als Ganzes weiterzuentwickeln, musst du eine Spielform wählen, in der die Spieler viele Aktionen in kurzer Zeit absolvieren müssen. Dadurch haben die Spieler nur wenig Zeit, sich zwischen den Aktionen zu erholen.

=> 3 vs. 3 oder 4 vs. 4

z.B.: 3 gegen 3, 2 Serien zu je 6 Spielen mit einer Minute Belastung und zwei Minuten Pause zwischen den Durchgängen.

In diesen kleinen Spielformen wird genau diese Fähigkeit zur schnelleren Regeneration hervorgehoben – während du gleichzeitig zum Beispiel den Spielaufbau deiner Spieler verbesserst. Das nenne ich effizient.

Aufrechterhaltung „guter Aktionen“ über das ganze Spiel

Die Qualität der Aktionen wird während dem Match durch die auftretende Müdigkeit der Spieler zwangsläufig abnehmen. Die Spieler treffen nach einiger Zeit nicht mehr gute Entscheidungen, es treten Missverständnisse zwischen den Spielern auf, die technische Ausführung leidet oder die Spieler pressen nicht mehr effizient. Das Ziel muss es aber sein, dass die Qualität so wenig wie möglich abnimmt und die „guten“ Aktionen über das ganze Spiel durchgeführt werden können. (Verheijen, 2014)

Ein guter Spieler baut über das Match hinweg weniger ab als ein schlechter Spieler. Er kann auch noch in der 90. Minute 90% seiner ursprünglichen Leistung abrufen, während ein schlechterer Spieler zum Beispiel nur mehr 70% von seiner Ausführungsqualität hat.

Trainingsmöglichkeit:

Hochintensive Belastungen mit wenig Pause zwischen den Aktionen.

z.B.: kurze intensive 1 vs. 1 Situationen mit wenig Erholung zwischen den Aktionen.

=> 2x 8 Fußballsprints (mit Gegenspieler und zum Ball) über ca. 15 Meter und nur 10 Sekunden Pause zwischen der Belastung.

Aufrechterhaltung „guter Aktionen“ pro Minute über das ganze Spiel

Durch die Ermüdung im Spiel sind die Spieler am Ende eines Matches nicht mehr in der Lage, viele Aktionen pro Minute auszuführen. Das bedeutet, dass sie mehr Zeit zwischen den Fußballaktionen benötigen, um zu regenerieren.

Die Spieler haben im Laufe eines Spiels zunehmend Probleme, sich schnell zwischen Aktionen zu erholen. Deswegen ist die vierte wichtige Fußballfitnesscharakteristik die Fähigkeit „schnell zu regenerieren“ über das ganze Spiel hinweg aufrecht zu erhalten. (Verheijen, 2014)

Trainingsmöglichkeit:

Du ahnst es vielleicht schon. Auch diese Fähigkeit kann am Besten in Spielformen trainiert werden.

=> 8 vs. 8 bis 11 vs. 11

z.B.: 2 Spiele zu je 15 Minuten Belastung und 2 Minuten Pause zwischen den Durchgängen.

Zum Beispiel kann es sein, dass die Spielsituation es erfordert, dass die Spieler nach einem Ballverlust schnell umschalten müssen, aber die Spieler stehen bleiben, da sie bereits zu müde sind. In diesen Spielformen sollte darauf geachtet werden, dass trotz der Ermüdung die Spieler die erforderlichen Aktionen aufrechterhalten. Dementsprechend sollte auch gecoacht werden. Vor allem in den letzten Minuten der Spielform ist es essentiell, dass die Spieler immer noch die geforderten taktischen Aktionen mit voller Entschlossenheit auszuführen versuchen. (Verheijen, 2014)

Dabei ist es wichtig, dass die Spieler an ihre Grenzen gehen bzw. diese überschreiten und dadurch die körperlichen Grenzen ausdehnen.

Was ist mit den Spielformen 5 vs. 5 bis 7 vs. 7?

Um bestimmte Fußballfitnesscharakteristiken zu überladen, wurden bereits die Spielformen 3 vs. 3 bis 4 vs. 4 und 8 vs. 8 bis 11 vs. 11 besprochen. Doch was ist mit 5 vs. 5 bis 7 vs. 7?

Die Frage ist, ob diese Spielformen eher die Fähigkeit „Mehr Aktionen pro Minute“ oder „Aufrechterhaltung mehr Aktionen pro Minute“ fördern? Offensichtlich ist die Antwort von der Spielfeldgröße abhängig. Wird eine 7 vs. 7 Spielform auf einem 65 x 45 Meter großen Feld gespielt, wird eher die Aufrechterhaltung der Aktionen trainiert. Wird die Spielform hingegen auf einem 45 x 35 Meter großen Feld ausgeführt, wird die Fähigkeit „Mehr Aktionen pro Minute“ priorisiert. (Verheijen, 2014)

Folglich kann der Trainer die gewünschte Fähigkeit durch die Veränderung bzw. Anpassung der Spieleranzahl und Spielfeldgröße gezielt trainieren. Wichtig ist jedoch noch zu erwähnen, dass die Grenzen zwischen den Spielformen natürlich fließend sind.

Grundsätzlich kann als Faustregel für eine fußballspezifische Ausdauerspielform eine Spielfeldgröße von über 150 m² pro Spieler am Feld angesehen werden.

Schlussfolgerung

Alle 4 relevanten Fußballfitnesselemente werden automatisch während jeder Trainingseinheit mittrainiert – vorausgesetzt die Einheiten sind dementsprechend geplant. Die 4 Elemente können gezielt durch eine Anpassung der Spielform trainiert werden und gleichzeitig kann an den taktisch-technischen Fähigkeiten der Spieler gearbeitet werden. Durch diese Trainingsmethodik wird die Trainingszeit sehr effizient genutzt.

Außerdem ist für eine bestmögliche Entwicklung der Spieler eine schrittweise Steigerung der Belastung und eine ausreichende Regenerationszeit zwischen den intensiven Einheiten erforderlich. Überdies muss auf die qualitativ hochwertige Ausführung und eine hohe Intensität in der jeweiligen Spielform geachtet werden. (Trainingsprinzipien müssen berücksichtigt werden!)



Lies auch "Trainingsprinzipien – Rückschlüsse für dein Fußballtraining"


Aufgrund dieses ganzheitlichen Ansatzes entwickelte Verheijen ein 6-wöchiges Blockperiodisierungsmodell für eine objektive und effiziente Trainingsplanung im Fußball.


Die genaue Trainingsplanung dieses 6-Wochen Blocks wird im nächsten Teil dieser Serie besprochen.


Lies auch "Das Erfolgskonzept der "Football Periodisierung" nach Raymond Verheijen -Teil 1: Einführung in die Grundidee"




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Quellen:

Verheijen R. (2019). Was ist Periodisierung. https://www.fcevolution.com/what-is-periodisation/

Verheijen R. (2014). The original guide to Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. World Football Academy BV, Amsterdam