Interview zum Thema "Athletiktraining im Fußball" mit Orest Shala (Co-Trainer beim FC St.Gallen 1879)

von Jürgen Pranger


Gepostet am 21.5.2021



Warum isoliertes Athletiktraining im Mannschafttraining von Junioren keinen Platz hat...



Hallo Orest. Schön, dass du dich für ein Interview mit uns Zeit genommen hast.

Hallo Jürgen. Sehr gerne. Ich bin seit einiger Zeit interessierter Leser eurer Seite und finde es toll, wie differenziert Ihr das Thema Athletiktraining im Fußball behandelt. Daher freue ich mich auf dieses Interview.

Kannst du zu Beginn unseren Lesern einen kurzen Überblick über dich geben. Wer bist du? Wie war dein bisheriger Karriereverlauf? Bei welchem Verein bist du zurzeit tätig und was ist deine Aufgabe im Verein? Etc.

Ich bin seit Beginn der Saison Co-Trainer der Profis des FC St. Gallen. Mein Hauptaufgabenbereich liegt in der gemeinsamen Planung, Durchführung und Analyse unseres Trainings vor dem Hintergrund der aktuellen Anforderungen unseres vergangenen oder kommenden Spiels. Zudem leite ich gemeinsam mit meinem Co-Trainerkollegen unser Pooltraining. Hier kommen die Top-Talente aus unserer U18 und U21 einmal wöchentlich zusammen und trainieren nach den Trainingsprinzipien unserer Ersten Mannschaft.

Zuvor war ich, während meines Studium - Sport und Deutsch auf Lehramt für Gymnasien - vier Jahre lang im Nachwuchsleistungszentrum von Union Berlin tätig und habe alle Großfeldmannschaften von der U15 bis zur U19 entweder als Chef- oder als Co-Trainer begleitet. Seit 2018 bin ich im Besitz der DFB A-Lizenz.

Angefangen habe ich als Trainer aber im Amateurbereich. Als U17-Spieler habe ich nebenbei unsere U15 als Co-Trainer begleitet, später dann war ich Co-Trainer der 1.Herrenmannschaft, in der ich selbst gekickt habe und schließlich habe ich bei ambitionierten Berliner Vereinen meine eigenen Mannschaften von U17 bis U21 trainiert, bevor ich dann zu Union gekommen bin.

War für dich der Wechsel in den Erwachsenenfußball eine große Umstellung?

Die Umstellung auf den professionellen Erwachsenenfußball war sicherlich groß. Die Bedeutung und öffentliche Wahrnehmung eines Clubs wie dem FC St. Gallen ist eine ganze andere. Diese birgt eine große Verantwortung für alle Spieler, Staff-Mitglieder und Funktionäre. Auch die Abläufe rund um den Spieltag vom Abschlusstraining bis zum Spielersatztraining sind ganz anders als im Nachwuchsleistungsfußball oder Amateurbereich. Und dennoch wird auch hier mit Menschen gemeinsam auf ein Ziel hingearbeitet, was die Arbeit genauso faszinierend macht wie im Nachwuchsfußball.

Was unterscheidet sich für dich in der Arbeit im Junioren- und Erwachsenenbereich?

Diese Frage ist äußerst komplex und nicht in wenigen Sätzen zu beantworten. Ich fokussiere meine Antwort daher auf die Trainingsplanung und –gestaltung. In erster Linie geht bei einer Mannschaft im Profibereich darum, das nächste Spiel zu gewinnen. In der langfristigen Ausbildung von Juniorenspielern sollte definitiv nicht alles auf das nächste Spiel ausgerichtet sein. Von dieser Grundannahme gehen auch sämtliche Unterschiede in der Arbeit mit Junioren und Profis aus. In Bezug auf das Training richtet sich die volle Aufmerksamkeit einer Profimannschaft auf das kommende Spiel. Die Belastungssteuerung spielt hier eine herausragende Rolle und wird durch sinnvolles Monitoring begleitet. Entsprechend richten sich auch die Trainingsinhalte auf die Erkenntnisse des letzten Spiels und den Anforderungen des kommenden.


"Die Belastungssteuerung spielt hier eine herausragende Rolle und wird durch sinnvolles Monitoring begleitet"




Welche Rolle spielt für dich als Trainer die athletische Komponente eines Spielers?

Mit der Annahme, dass ein Profisportler technisch-taktisch auf höchstem Niveau ausgebildet ist, ist die Athletik im modernen Fußball die leistungsdeterminierende Komponente des Spiels. (Aktions-)Schnelligkeit ist nachweislich ein Indikator für die Ligazugehörigkeit von Fußballern. Die Tendenz geht klar in die Richtung, dass die Athletik künftig sogar noch mehr an Stellenwert gewinnen wird. In den engen Räumen des modernen Fußballs, wird immer derjenige im Vorteil sein, der schneller wahrnimmt, schneller handelt und die Intensität über 90 Minuten aufrechterhalten kann. Aktions- und Handlungsschnelligkeit sind die wichtigsten Komponenten des Spiels geworden.

Das Thema Athletiktraining wird im Fußball teilweise sehr konträr diskutiert. Was ist deine Meinung dazu? Bist du ein Verfechter des isolierten Athletiktrainings oder sollte deiner Meinung nach alles mit Ball in Spielformen trainiert werden?

Wer kennt sie nicht, Athletiktrainer die militärisch strukturiert und organisiert ihre Übungen mit der Mannschaft in verschiedenen Organisationsformen von Reihe bis Riege fernab des Balles ausführen. Mich beeindruckt die sportwissenschaftliche Kompetenz der meisten Athletiktrainer ungemein. Der Fußball ist aber eben keine klar strukturierte und organisierte Sportart. Fußball ist Chaos. Aktionen entstehen spontan und sind situativ und nicht nach Startschuss oder bis zu einer Ziellinie. Entsprechend sollte auch trainiert werden, nämlich ganzheitlich. Alles was das Spiel erfordert sind Fußballaktionen (Verheijen, 2014) und diese trainiere ich durch Fußballspielen. Wenn ich mit einer Fußballmannschaft auf dem Platz stehe, bin ich also davon überzeugt, dass wir Fußball trainieren sollten und keine Leichtathletik. Dasselbe halte ich übrigens auch von isoliertem Techniktraining, Passformen ohne Gegnerdruck sind lediglich eine gute Aufwärmübung und verfolgen kein taktisches Ziel. Isoliert und Fußball schließen sich kategorisch aus. Keine Technik ohne Taktik, keine Taktik ohne Athletik, keine Athletik ohne Psychologie usw.


"Wenn ich mit einer Fußballmannschaft auf dem Platz stehe, bin ich also davon überzeugt, dass wir Fußball trainieren sollten und keine Leichtathletik."




Gibt es wesentliche Unterschiede im Athletiktraining zwischen Jugendspielern und Spielern im Erwachsenenfußball?

Meine vorherigen Ausführungen bezogen sich schon auf das Training mit einer Profimannschaft. Im Jugendfußball verbietet sich eigentlich isoliertes Athletiktraining zu Mannschaftstrainingszeiten. Wir sollten keine Leichtathleten ausbilden, sondern Fußballer. Die DFB-Akademie hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der die Trainingspraxis von 53 Coaches aus England, Deutschland, Portugal und Spanien unter die Lupe genommen wurde und Trainingseinheiten von U 12- bis U 16-Mannschaften untersucht. Spieler aus portugiesischen und spanischen Mannschaften verbrachten im Durchschnitt 10 Prozent mehr Zeit mit Kleinfeldspielen als Spieler von englischen und deutschen Mannschaften, die ihrerseits 15% mehr isoliertes Training anboten. Hier liegt sicherlich auch ein Ansatzpunkt, warum wir uns in Deutschland nach Kreativspielern a la Neymar sehnen. Spanische Juniorenspieler sehen in ihrer gesamten Jugendlaufbahn keinen Kraftraum, schaden tut es ihnen offenbar nicht.

Vielleicht kannst du uns kurz einen Überblick über die Trainingsmethodik bzw. Trainingsplanung damals bei Union Berlin in der Jugendabteilung und jetzt im Erwachsenenfußball bei St. Gallen geben.

Ich bin überzeugt von einem ganzheitlichen Trainingsansatz und das bedeutet: trainieren in Spielformen. Verheijen Ansatz zur Entwicklung der Fußballfitness vom 11gg11 zum 1gg1 lässt sich auch auf die technisch-taktische Ausbildung implementieren. Mein Ansatz, den ich als Trainer bereits bei Union durchsetzen konnte, wird auch hier beim FC St. Gallen von den Verantwortlichen genauso gedacht und getragen. Das technisch-taktische Ziel gibt die Trainingsplanung vor. Unter Berücksichtigung der elementaren Trainingsprinzipien zur Belastungssteuerung entwickelt sich dann ein Trainingsplan im Mikro-, Meso- und Makrozyklus.

Viele Trainer sind der Meinung, dass ein zusätzliches isoliertes Krafttraining – zum Beispiel ein Langhanteltraining - für die Spielerentwicklung und für die Verletzungsprävention sehr wichtig ist. Wieso bist du der Meinung, dass ein isoliertes Krafttraining im Jugendbereich keinen Sinn macht?

Wie bereits erwähnt sieht ein spanischer Junior während seiner gesamten Ausbildung keinen Kraftraum. Ich zweifle stark daran, dass junge Sportler ein Langhanteltraining zur Verletzungsprävention absolvieren müssen. Wenn man sich den Tagesablauf eines Spielers im Nachwuchsleistungszentrum mit all seinen sportlichen und schulischen Verpflichtungen anschaut, fragt man sich, wo überhaupt noch Zeit zur Regeneration bleiben soll. Ich bin sowieso der Meinung, dass im Jugendbereich zu viel trainiert wird. Die Jungs sind übersättigt und eventuell verlieren wir viele talentierte Kinder genau aus diesem Grund. Mein Vorschlag weniger trainieren, dafür besser und mehr Fußball.

Dennoch bin ich natürlich für ein genaues Screening und wenn es die Zeit zulässt, dann sollte auch individuell mit den Sportlern an ihren körperlichen Schwachstellen zur Verletzungsprävention gearbeitet werden. Zu glauben, dass die Schnelligkeit, das Ausdauerniveau oder das Breitenwachstum durch Training nachhaltig stark verbessert werden kann, ist falsch. Die Genetik macht uns da einen Strich durch die Rechnung.


"Mein Vorschlag weniger trainieren, dafür besser und mehr Fußball."




Welche Vor- bzw. Nachteile hat ein isoliertes Krafttraining im Fußball – deiner Meinung nach?

Sobald ein Sportler anfängt Geld mit seiner Sportart zu verdienen, ist er quasi verpflichtet seinen Körper zu pflegen. Beim Profisportler überwiegen die Vorteile eines isolierten Krafttrainings. Sie befinden sich weder im Wachstum, noch haben sie zu wenig Zeit. Zur Verletzungsprävention durch Beseitigung von muskulären Dysbalancen, zur Leistungssteigerung des Maximal- und Schnellkraftniveaus, zur verbesserten Beweglichkeit in der Beinachse und zur intra- und intermuskulären Koordination ist es unbestritten, dass isoliertes Krafttraining ein Muss im Profibereich darstellt, der aber individualisiert umgesetzt werden muss.


"Zur Verletzungsprävention durch Beseitigung von muskulären Dysbalancen, zur Leistungssteigerung des Maximal- und Schnellkraftniveaus, zur verbesserten Beweglichkeit in der Beinachse und zur intra- und intermuskulären Koordination ist es unbestritten, dass isoliertes Krafttraining ein Muss im Profibereich darstellt, der aber individualisiert umgesetzt werden muss."




Wie sieht es in der Off-Season aus, wenn kein Fußballtraining im Mannschaftsverbund stattfindet. Wie sollten sich die Spieler in dieser Übergangsperiode fit halten?

Weit weg vom Fußball und mit alternativen Sportarten: Schwimmen, Basketball, Radfahren etc. Der Körper muss sich in dieser Zeit nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch erholen.

Welchen Rat möchtest du zum Abschluss Trainern mitgeben, die noch nicht so viel Erfahrung haben. Welche Fehler sollten sie vermeiden?

Ich möchte eigentlich nur dazu anhalten, dass wir die wertvolle Zeit mit den Jugendspielern nutzen, um gutes Training anzubieten. Gutes Training im Kontext Fußball bedeutet in erster Linie Fußballspielen. Ich kann als Trainer wenig falsch machen, wenn ich meinen Mannschaften im Training Spielformen mit verschiedenen Schwerpunkten anbiete, auf die Belastungszeit zwecks hoher Intensität achte und die Rahmenbedingungen der Spielform für mich coachen lasse.


"Ich kann als Trainer wenig falsch machen, wenn ich meinen Mannschaften im Training Spielformen mit verschiedenen Schwerpunkten anbiete, auf die Belastungszeit zwecks hoher Intensität achte und die Rahmenbedingungen der Spielform für mich coachen lasse."



Danke für das nette Gespräch mit dir. Wir wünschen dir noch alles Gute für die restliche Saison und viel Erfolg für deine Zukunft.

Vielen Dank. Auch mir hat es sehr viel Spaß gemacht.





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Über Orest Shala:

Orest ist zurzeit Co-Trainer bei den Profis des FC St. Gallen (Schweizer Super League). Zuvor war er, während seines Studiums - Sport und Deutsch auf Lehramt für Gymnasien - vier Jahre lang im Nachwuchsleistungszentrum von Union Berlin tätig und hat alle Großfeldmannschaften von der U15 bis zur U19 entweder als Chef- oder als Co-Trainer begleitet. Seit 2018 ist er im Besitz der DFB A-Lizenz.

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