Sind Fußballspieler dumm?

von Jürgen Pranger


Gepostet am 9.7.2021



Jeder kennt es - dieses Klischee: „Fußballer sind dumm“. Aber was ist dran an diesem Vorurteil? In diesem Beitrag werden wir genauer auf diese Frage eingehen. Mit einem überraschenden Ergebnis.

Ein möglicher Grund für dieses Vorurteil könnte sein, dass die meisten Menschen glauben, dass Fußballer den Kopf nur zum Köpfeln benutzen – und weniger zum Denken? Oder liegt es doch an den zahlreichen missglückten Interviews von Profifußballspielern wie zum Beispiel „Das Tor gehört zu 70% mir und zu 40% dem Wilmots“, „Es ist nicht immer alles wahr, was stimmt“ oder „Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel“?

Zugegeben – es ist teilweise wirklich amüsant, so manche Interviews von Fußballspielern zu verfolgen. Und vielleicht kennst du auch das mittlerweile legendäre Video von Mario Balotelli, der es nicht schafft, sich ein Überziehleibchen anzuziehen. Hierbei kann schon an der Intelligenz von einigen Spielern gezweifelt werden.

Hier kommst du zum Video: Klicke hier! (Balotelli)

Doch sind Fußballspieler wirklich dumm?

Meiner Meinung nach wird damit den meisten Spielern bzw. Sportlern Unrecht getan. Fußball ist ein Kopfsport und kann dementsprechend nur mit einer gewissen Intelligenz gespielt werden. Die Aussage, “Dumm kickt gut“ könnte also „falscher“ nicht sein. Vor allem in der heutigen Zeit ist die Spielintelligenz enorm wichtig und wird durch die Steigerung der Spielgeschwindigkeit auch immer wichtiger werden.

„Laufen ist für Tiere. Fußball wird mit Gehirn und Ball gespielt.“ – Louis von Gaal

Die Komplexität eines Fußballspiels ist enorm. 22 Spieler bewegen sich frei auf einem Feld umher und müssen ständig die aktuelle Situation analysieren, bewerten und dementsprechend reagieren bzw. agieren. Wo sind meine Mitspieler? Wo sind die Gegenspieler? Wo ist der Ball? Wo befinde ich mich gerade am Platz? Und und und…

Keine Situation ist gleich bzw. vorhersehbar. In Sekundenbruchteilen müssen Spieler in der Lage sein, sich einen Überblick zu verschaffen und aus unzähligen Möglichkeiten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Als Außenstehender mag dies vielleicht banal klingen, doch es ist eine bemerkenswerte (Kopf-)Leistung, die die Spieler hier abliefern müssen. Spieler, die ohne „Kopf“ spielen, erkennt man sofort.

Arsene Wenger sagt, dass Top-Spieler einen „Radar“ im Kopf haben. Er bezeichnet das als „Scanning“. Top-Spieler scannen die Umgebung 7-8 x pro 10 Sekunden! Sie erstellen einen Lageplan im Kopf, der ständig angepasst wird und können somit die richtige Entscheidung treffen, noch bevor sie den Ball überhaupt erhalten. (Austin, 2019)

Diese Fähigkeit – auch als Spielintelligenz bezeichnet – wird im Fußball immer wichtiger. Wer schneller und gleichzeitig bessere Entscheidungen trifft, steigert seine fußballerische Leistungsfähigkeit enorm. Auf einem höheren Leistungsniveau steigt der Druck weiter an. Die Spieler haben weniger Raum und Zeit zur Verfügung, um eine Aktion auszuführen. Dies erfordert eine bessere Entscheidungs- bzw. Handlungsschnelligkeit.

Deswegen sollte auch das Fußballtraining dementsprechend aufgebaut sein. Spieler müssen komplex mit Ball und Gegnerdruck trainieren, um diese Fähigkeit zu erlernen. Deswegen sollten stupide Technikübungen bzw. Passformen im Mannschaftstraining die Ausnahme sein. Aber ich schweife ab…

Im Fußball werden also Gedankengänge in Blitzesschnelle verarbeitet. Hunderte von Informationen werden zeitgleich von den Sportlern aufgenommen, verarbeitet und umgesetzt, um dann situationsgemäß und in Echtzeit die beste Entscheidung zu fällen.

Doch wer entscheidet? Körper oder Geist?

Wer ist für die Bewegungsqualität, Koordination etc. verantwortlich? Ist es die Muskulatur, sind es die Knochen oder ist es doch das Gehirn, das Entscheidungen trifft?

Das falsche Konzept des Dualismus

Der französische Philosoph Rene Descartes prägte im 17 Jh. die Meinung, dass Körper und Geist zwei verschiedene Substanzen sind.

Quelle: Jankowski (2015); eigene Darstellung


Heute wissen wir – oder sollten zumindest wissen – dass dieses Konzept vollkommen falsch ist. Der Geist (also das Gehirn) kann vom Körper nicht getrennt betrachtet werden. Alle Bewegungen, die wir ausführen sind vom Gehirn gesteuert. Deswegen hat eine gute Bewegungsqualität auch etwas mit Intelligenz zu tun – motorischer Intelligenz. Unser Gehirn lernt Bewegungen gleich wie Vokabeln, Formeln oder ein Musikinstrument. Erst wenn wir uns mit einer Tätigkeit intensiv auseinandersetzen, erlernen wir diese auch.

Und wie so vieles wird die Grundlage dieser Fähigkeiten in jungen Jahren gelegt. Kinder, die in der Natur mit Freunden spielen und dabei sehr viel Bewegungserfahrung sammeln, werden eine höhere motorische, soziale und emotionale Intelligenz entwickeln. Kinder, die sehr viel Zeit mit Lesen und Schreiben verbringen, werden die sprachliche Intelligenz besser ausbilden. Das gleiche gilt für Mathe, Musik etc. Defizite, die in jungen Jahren entstehen, können im Erwachsenalter meist nicht mehr aufgeholt werden.

Beispiele: Wenn du in einem gewissen Alter nicht perfekt lesen kannst, wirst du im Erwachsenenalter das Lesen nicht mehr perfekt erlernen. Hast du im Kindesalter nicht gelernt, deinen Körper entsprechend zu koordinieren, wirst du auch im Erwachsenenalter diese Fähigkeit nicht perfektionieren können.

Körperliche Fähigkeiten – und damit sind nicht nur motorische Fähigkeiten wie die „rohe“ Kraft, Ausdauer oder Schnelligkeit gemeint – sind eine Form von Intelligenz. Motorische Intelligenz und kognitive Fähigkeiten werden vor allem in Mannschaftsportarten erlernt.

Die Rolle der Schule bzw. der Gesellschaft in dieser falschen Wahrnehmung

In der Schule wird hingegen nach Fächern unterschieden. Intelligent ist man, wenn man gut in Deutsch, Englisch, Mathe etc. ist oder wenn man sich Dinge gut merken kann. Wer im Sportunterricht gut ist, wird als sportlich bezeichnet. Wer in Musik positiv auffällt, ist musikalisch und wer in Zeichnen punkten kann, gilt als künstlerisch begabt.

Musik, Sport und Kunst haben deswegen in der Schule auch nicht diesen Stellenwert. Denn jeder möchte natürlich als intelligent und nicht als dumm wahrgenommen werden.

Im Grunde zählt in unserem Schulsystem lediglich die analytische Intelligenz. Die soziale, motorische, musikalische, emotionale und künstlerische Intelligenz werden nicht berücksichtigt.

Beispiel:

Wer in Deutsch sehr gut ist, aber in Mathe eine Schwäche hat, kann von unserer Gesellschaft trotzdem als intelligent wahrgenommen werden. Wer jedoch in Mathe schlecht ist und in Sport hervorragend ist, wird als sportlich, aber dumm angesehen.

Aber was ist Intelligenz überhaupt?

„Intelligenz hat damit zu tun, dass ein Mensch Informationen effizient verarbeitet, sich flexibel auf neue Anforderungen einstellt und somit anstehende Aufgaben vergleichsweise gut und schnell bewältigt.“ - Ulrich Pontes

Intelligenz hat somit nichts mit Wissen zu tun. Wer alle Hauptstädte der Welt auswendig kennt, hat zwar ein großes Wissen, muss allerdings nicht zwangsläufig intelligent sein. Wissen ist also nicht gleich Intelligenz. Intelligenz ist die Fähigkeit komplexe Aufgaben effizient lösen zu können.

In der Schule geht es eher um Wissen und nicht um Intelligenz – zumindest meiner Meinung nach. Intelligenz hat deswegen auch aus meiner Sicht wenig mit Noten oder dem Schulabschluss zu tun. Es gibt viele Akademiker, die zwar ein großes Wissen haben, aber nicht wirklich intelligent sind. Umgekehrt gibt es viele Menschen mit „nur“ einem Hauptschulabschluss, die in der Lage sind, komplexe Aufgaben effizient zu lösen.

Hierbei darf auch nicht der Fehler gemacht werden, Körper und Geist voneinander zu trennen.

Intelligenz hat viele Formen

Für einfache körperliche Anforderungen wie zum Beispiel Laufen, muss ich nicht unbedingt intelligent sein. Wenn ich geradeaus laufe, muss ich dabei nicht viel denken. Ein Fußballspieler bzw. generell ein Mannschaftssportler muss hingegen ständig mit dem Kopf bei der Sache sein. Mannschaftsportarten erfordern demnach, um das Spiel gut und erfolgreich spielen zu können, eine gewisse Intelligenz.

Wer mir nicht glaubt, dem empfehle ich einmal einen Sportunterricht einer „Sportklasse“ und einer „Nicht-Sportklasse“ zu beobachten bzw. zu vergleichen. Es ist interessant zu beobachten, wie die verschiedenen Klassen bei einfachen Mannschaftspielen etc. agieren bzw. wie sie sich verhalten. Sportklassen haben gelernt, komplexe Aufgaben als Team effizient zu lösen, während „Nicht-Sportklassen“ sich in diesem Bereich meist erheblich schwerer tun. Aber nicht nur, weil sie nicht die Fähigkeit haben, einen Ball gut zu fangen oder schnell bzw. lange zu laufen. Ihnen fehlt die Fähigkeit, Situationen zu erkennen, diese zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen, um als Team erfolgreich zu sein.

Besonders auffallend wird dies bei einer kooperativen Aufgabe. Müssen die Schüler in einer Gruppe eine Aufgabe bewältigen, (z.B. ein Hindernis mit einer Bank als Hilfsmittel überqueren), die nur in der Gruppe bewältigt werden kann, dann lösen Sportler diese Aufgaben viel schneller und effizienter als „Nicht-Sportler“. Der Grund dafür ist nicht, dass die Sportler kräftiger etc. sind - Nein. Sondern sie handeln intelligenter! Sie können sich besser organisieren, kommunizieren und können die Lage besser einschätzen.

Sollte man deswegen „Nicht-Sportler“ als dumm bezeichnen? Nein – sicherlich nicht. Gleich wenig, wie ein Schüler als dumm bezeichnet werden sollte, der im Deutschunterricht nicht so gut ist, aber andere Fähigkeiten besitzt.

Genau diese Fähigkeiten, die in der Schule wenig Beachtung bekommen, wie Probleme im Team zu lösen, sich im Team verbal und non-verbal effizient zu verständigen, sich in andere hinein zu versetzen und mit Rückschlägen umgehen zu können, sind in unserer Gesellschaft enorm wichtig!

Deswegen, so glaube ich, sind diese Personen im späteren Leben auch meist erfolgreicher.

Mannschaftssportarten trainieren also nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Man sollte deswegen sehr vorsichtig sein, eine Person als „dumm“ zu bezeichnet. Es gibt sehr viele Arten von Intelligenz, dies
müssen wir uns bewusst machen. Wir sollten uns außerdem überlegen, welche Fähigkeiten und Kompetenzen in unserer Gesellschaft wichtig sind – Ist es wichtig zu wissen, wie viele Mägen eine Kuh hat oder wie der Stoffwechsel der Moose funktioniert?

Oder sind doch andere Fähigkeiten wichtiger?

Das bedeutet nicht, dass der Biologieunterricht oder generell die analytische Intelligenz nicht wichtig ist. Wir sollten lediglich auch andere Formen der Intelligenz wahrnehmen und anerkennen.

Außerdem glaube ich, dass es das beste Anzeichen ist, selbst dumm zu sein, wenn man glaubt, dass alle anderen dumm sind. In welcher Form auch immer…

Abschließend ein wirklich „tiefsinniges“ Zitat von Forest Gump:

„Dumm ist nur derjenige, der Dummes tut“




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Literatur:

Austin, S. (2019). Arsene Wenger: Top players have radars in their heads. https://trainingground.guru/articles/arsene-wenger-top-players-have-radars-in-their-heads#:~:text=%E2%80%9CI%20have%20lost%20many%20top,head%20is%20like%20a%20radar.&text=%E2%80%9CAs%20a%20player%2C%20whenever%20I,then%20decide%20and%20finally%20execute. [Zugriff am 25.11.2020]

Jankowski, T. (2015). Taktische Periodisierung im Fußball. Die Übungen der Spitzentrainer. Trainieren wie Guardiola und Mourinho. Meyer & Meyer Verlag